Zum ersten Mal seit über 1.500 Jahren wurde dank modernster Bildgebungstechniken am SLAC National Accelerator Laboratory ein verlorener Katalog von Sternen enthüllt, der vom antiken griechischen Astronomen Hipparchos von Nicäa erstellt wurde. Forscher haben in einem jahrhundertealten Manuskript verborgene Sternkarten und astronomische Koordinaten entdeckt und damit Licht auf die Anfänge wissenschaftlicher Beobachtungen geworfen.
Die Wiederentdeckung verlorenen Wissens
Im Mittelpunkt der Entdeckung steht ein Palimpsest – ein altes Pergament, auf dem der Originaltext gelöscht und überschrieben wurde –, das im Katharinenkloster in Ägypten aufbewahrt wird. Dieses besondere Manuskript, bekannt als Codex Climaci Rescriptus, wurde ursprünglich im 6. Jahrhundert auf Tierhaut geschrieben, enthielt jedoch ältere, verborgene Schrift darunter. Im Laufe der Zeit wurde der Originaltext abgekratzt und durch klösterliche Abhandlungen ersetzt.
Die verdeckte Schrift wurde mithilfe hochintensiver Röntgenstrahlen aus dem Teilchenbeschleuniger des SLAC wieder ans Licht gebracht. Das Verfahren nutzt die Tatsache aus, dass Tinte auch nach dem Löschen subtile chemische Spuren im Pergament hinterlässt. Diese Spuren beeinflussen, wie das Material Licht absorbiert, und Röntgenfluoreszenz enthüllt die verborgene Schrift, indem sie die chemischen Elemente der Tinte anregt.
Hipparchos‘ Sternenkatalog: Ein Fenster in die antike Astronomie
Der wiederhergestellte Text enthält Fragmente des Gedichts „Phaenomena“ von Aratus von Soli sowie Sternkoordinaten und Skizzen, die Hipparchos zugeschrieben werden, der um 150 v. Chr. lebte. Dies ist von Bedeutung, da Hipparchos als einer der größten Astronomen der Antike gilt, dem die Erstellung eines der frühesten Sternkataloge und sein Beitrag zur Entwicklung der Trigonometrie zugeschrieben wird.
Direkte Beweise für Hipparchos‘ Werk sind äußerst selten, da die meisten seiner Schriften mit der Zeit verloren gegangen sind. Das Überleben dieses Palimpsests bietet einen einzigartigen Einblick in seine Methoden und Beobachtungen. Wie der Physiker Minhal Gardezi erklärt, ist es so, als ob „ein Redakteur einer Kopie von Shakespeares ‚Hamlet‘ Fußnoten hinzufügt, die uns lustige Fakten liefern, wie zum Beispiel ein Rezept für das Essen, das in dem Stück gegessen wurde.“
Historische Debatten lösen
Die Wiederentdeckung hat bereits eine seit langem bestehende Frage geklärt, ob der römisch-ägyptische Astronom Ptolemaios Hipparchos plagiiert hat. Die Analyse bestätigt, dass Ptolemaios zwar auf Hipparchos‘ Werk Bezug nahm, aber auch Daten aus anderen Quellen einbezog – eine gängige Praxis in der Wissenschaft, wie der Historiker Victor Gysembergh anmerkt: „Das ist kein Plagiat, das ist Wissenschaft.“
Die Zukunft der Palimpsestforschung
Forscher wenden nun ähnliche Techniken an, um andere Palimpseste im Codex Climaci Rescriptus zu scannen, in der Hoffnung, weiteres verborgenes Wissen zu erschließen. Frühere Experimente mit dieser Methode haben frühe Grundlagen der Infinitesimalrechnung in den Schriften von Archimedes enthüllt, die Jahrhunderte vor ihrer allgemein anerkannten Erfindung liegen. Das Potenzial für neue Entdeckungen ist groß, und Wissenschaftler sind bestrebt, weitere verlorene Texte aufzudecken und unser Verständnis der antiken Wissenschaft zu erweitern.
Die Wiederherstellung dieser Sternenkarten zeigt die Macht moderner Technologie, längst verlorene Erkenntnisse aus der Vergangenheit ans Licht zu bringen, und erinnert uns daran, dass die Grundlagen unseres Wissens oft in den Überresten der Geschichte verborgen liegen.
